Aufsteiger des Jahres 2025

posts 1 - 3 by 3
  • Aufsteiger des Jahres 2025

    gruener (Luddit), 06.01.2026 20:54
    #1

    Heute blicke ich lediglich zurück – der Ausblick auf 2026 und darüber hinaus folgt später in diesem Monat.

    Zwei Personen möchte ich im Folgenden kurz aus deutscher Sicht skizzieren, die eines gemein haben und sicher darüber hinaus nicht viel mehr: Beide haben im Frühjahr 2025 eine bedeutsame und folgenschwere Rede gehalten.

    *****************************

    Die erste Laudatio wird eine kurze:

    Denn ich denke, sie hat ihre 15 Minuten Superstar a la Andy Warhol hinter sich. Im Grunde waren es keine 4 Minuten. Viel mehr wird vermutlich nicht kommen. Sie ist und bleibt wohl ein One-Hit-Wonder.

    Nichtsdestotrotz: Es waren 4 Minuten, die es in sich hatten. Die eine bis dahin bei etwa 3 Prozent dümpelnde Splitterpartei wieder sorgenlos in den Bundestag katapultierten und gleichsam der Rest-Ampel den finalen Todesstoß versetzten. Von einer „Brandmauer-Rede“ sprach die FAZ. „Ihre Rede war spontan, ihre Wut spürbar. Mehr als 6,6 Millionen Mal wurde das Kurzvideo ihrer Rede auf Tiktok angesehen.

    Aus 3 % in den Umfragen mach 8,8 % an der Wahlurne. Das ist wahrlich nicht alltäglich und verdient deswegen eine Würdigung. Dass ihre Rede gleichsam Habeck und Baerbock endgültig ins Aus befördert hat, ist ihr ebenfalls hoch anzurechnen. Dass SPD und Grüne ihrer Rede dennoch Beifall zollten, sagt viel aus über beide Parteien.

    Darüber hinaus zumindest meinerseits beklemmendes Schweigen.

    Gemeint ist natürlich Heidi Reichinnek (Linke).

    Ihre Rede hallt erstaunlicherweise nach – bis heute. Wie intensiv, wird sich 2026 bei den fünf anstehenden Landtagswahlen zeigen.

    Personalwechsel…

    ****************

    Die zweite Laudatio wiegt wesentlich schwerer. Sie ist zudem politisch völlig konträr zur ersten und bedarf einer längeren Vorschau:

    Im Spätsommer 2004 suchte ich eines Nachts Live-Informationen zum Nominierungsparteitag der US-Demokraten. John F. Kerry sollte offiziell zum Präsidentschaftskandidaten gekürt werden. Ich schaltete jedoch zu früh bei CNN bzw. am falschen Tag ein und wurde zufällig Ohren- und Augenzeuge einer ebenfalls aufwühlenden Rede, die ein mir bis dahin unbekannter jüngerer Senator vortrug. Als er unter tosenden und minutenlangen Standing Ovations endete, wusste ich: Ich habe einen zukünftigen US-Präsidenten gesehen.

    Somit war der Redner zwei Jahre später, nach den Midterms 2006, neben Hillary Clinton und Al Gore für den Prognosemarkt zur DEM-Kandidatenkür 2008 gesetzt. Damalige Nachfragen aus der Wahlfieber-Commuity „Who the f*ck is Barack Obama?“ ließ ich gelassen an mir abprallen.

    Etwa ein Jahr später suchte ich einen neuen Untermieter. Es meldete sich u.a. eine junge Frau, die zum damaligen Zeitpunkt noch in den USA, Illinois weilte und für 6 Monate ein Zimmer in Kiel suchte. Sie hinterließ eine Telefonnummer und den bestmöglichen Zeitpunkt für einen Rückruf. Was sie schrieb, klang interessant, also entsprach ich – zufällig ausgestattet mit einer Telekom-Flatrate für die USA – ihrem Wunsch. Am anderen Ende meldete sich – so mein Eindruck – eine Art Callcenter sowie eine weibliche Person mit einem schlimmen amerikanischen Akzent, so das ich kaum ein Wort verstand. Ich schilderte mein Anliegen und wurde durchgestellt. Nun hatte ich eine freundliche männliche Stimme in der Leitung, die mich mit „Hi Thomas“ begrüßte. Ich erklärte erneut, wen ich sprechen wollte. Oh, entgegnete mein Gegenüber, da bist du falsch verbunden worden. Er sprach ein leicht verständliches Englisch. Und ergänzte: Wie ich sehe, rufst du aus dem Ausland an. Aus Deutschland? Ich bestätigte. Ah, geht es um die Wohnung? fragte er. – Ja! – Es knackte in der Leitung, dann war er wieder dran: Bei ihr ist besetzt. – Wir quatschten noch einige Minuten, dann versuchte er es erneut und verabschiedete sich zuvor: Ich bin übrigens Barack. Dir alles Gute. Vielleicht ja bis demnächst einmal.

    Long story short: Besagte Person zog bei mir ein. Wir haben zuvor noch mehrmals mit einander telefoniert. Gefühlt jedes zweite Mal wurde ich falsch durchgestellt und landete jeweils wieder bei … Barack, den ich für einen Kollegen von ihr hielt. – Ach du schon wieder!Sicher, dass sie bei mir einziehen soll, nicht du?

    Erst bei unserem ersten gemeinsamen Essen in Kiel erfuhr ich, was sie in den USA so alles getrieben hatte: So gehörte sie von Anbeginn zum Nominierungskommitee von Barack Obama und war dort auch lange Zeit beschäftigt. Und damit war auch klar, mit wem ich mehrmals gesprochen hatte… Es war ihr etwas peinlich, mir nicht.

    Kleine Anekdote am Rande: Im Spätsommer 2008 besuchte ich meine Mutter, die grade aus Griechenland zurückgekehrt war und erneut längere Zeit auf der bei Prominenten sehr beliebten Insel Patmos verbracht hatte: Stell dir vor, wen ich am Strand getroffen habe? Du glaubst mir das nie… Long story short, sie war am Strand Barbara und George Bush sen. begegnet und hatte sich u.a. eine Stunde mit dessen Gattin ausgetauscht, nachdem sie zuvor von schwer bewaffneten Personal aus den Reihen des Secret Service bedrängt worden war. Der Gatte schwamm derweil überwiegend im Mittelmeer herum, worüber die ehemalige First Lady mehrfach ihre Besorgnis äußerte. Na, kannst du das überbieten? fragte meine Mutter mich lächelnd. Ich entgegnete trocken: Stell dir vor, mit wem ich letztens mehrmals telefonieren musste? Du glaubst mir das nie…

    -----------------

    Zurück in die Gegenwart und zu einem Déjà-vu.

    Im Herbst 2024 verfolgte ich während des US-Wahlkampfes die einzige Konfrontation der beiden Running Mates und wusste sogleich: Ich habe einen künftigen US-Präsidenten gesehen.

    Die Rede ist natürlich von US-Vizepräsident JD Vance.

    (Wie war gleich noch mal der Name seines demokratischen Konkurrenten?)

    Vance hätte die Rede des Jahres 2025 gehalten, schreibt Gabor Steingart in seinem Jahresrückblick.

    Selbstredend hielt sich der US-Politiker nicht an die von Warhol vorgegebenen 15 Minuten, sondern ärgerte seine Zuhörer in München ganze 18 Minuten. Und jede dieser 18 Minuten hatte es in sich. Vance las seinen primär europäischen Zuhörern schonungslos die Leviten – ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Es störte ihn nicht, dass er sie mitunter auch brüskierte.

    Steingart schreibt:

    Die Rede von US-Vizepräsident JD Vance bei der 61. Münchner Sicherheitskonferenz hallt nach. Die Erwartungen waren hoch. Viele hofften auf Antworten zur Ukraine. Wenige Tage zuvor hatte Donald Trump angekündigt, Gespräche mit Russland über ein Ende des Krieges organisieren zu wollen.

    Vance führte anderes im Schilde. Der Applaus beim Betreten der Bühne markierte bereits den Höhepunkt der Zustimmung. Was folgte, waren 18 Minuten Abrechnung mit Europa. Ein schlechter Moment für die transatlantische Freundschaft, in dem Vance dem Kontinent vorwarf, die Meinungsfreiheit zu unterdrücken.

    Sanft im Ton, beleidigend in der Sache – und ein Affront gegen die europäischen Partner. Er sprach von einer „inneren Bedrohung“ als dem wahren Feind der Europäer und stufte die Bedrohung durch ein aggressiv gewordenes Russland in ihrer Bedeutung zurück:

    „Von all den drängenden Herausforderungen, vor denen die hier vertretenen Nationen stehen, glaube ich, dass es nichts Dringlicheres gibt als die Massenmigration.“

    Vance nahm vorweg, was später in der neuen US-Sicherheitsstrategie folgte: eine spürbare Distanz zu Europa. Amerika und Europa sind noch immer Partner, aber keine Freunde mehr.

    Auch hier gilt, ich stimme nicht mit allem überein, was er gesagt hat – weder in Bezug auf Gabor Steingart noch auf JD Vance. Aber, ich teile die Bedenken und halte es daher weiterhin ausschließlich mit Voltaire:

    „Ich werde Ihre Meinung bis an mein Lebensende bekämpfen, aber ich werde mich mit allen Kräften dafür einsetzen, dass Sie sie haben und aussprechen dürfen.“

    Ich sage ebenso: Genau das sehe ich derzeit in Deutschland und einigen anderen demokratischen Ländern nicht mehr als gegeben an. Und: Es ist gut und notwendig, dass JD Vance in dieser Wunde herumgestochert hat. Auch wenn es bitter ist und schmerzt.

    DSA und Chat Control sind weitaus schmerzhafter und gefährlicher für die Demokratie. Eine unkontrollierte Massenzuwanderung ebenso.

    *******************

    Ach ja, denn kaum jemand dürfte die Rede von Vance bislang in Gänze gelesen haben. Hier ein Link zum englischen Original und einer deutschen Übersetzung:

    https://www.handelsblatt.com/politik/international/j-d-vance-die-muenchener-rede -des-us-vizepraesidenten-im-wortlaut/100107881.html

    Und da es sich so gehört auch die kurze Rede von Reichinnek:

    https://de.openparliament.tv/media/DE-0200209014?sessionID=DE-0200209&sort=t opic-asc&lang=de

  • RE: Aufsteiger des Jahres 2025

    Bergischer, 07.01.2026 20:23, Reply to #1
    #2

    ... eigentlich wollte ich im Wafi Forum ja keine Zeit mehr verschwenden, aber bei soviel geposteten "Unsinn"...

    Aber, ich teile die Bedenken und halte es daher weiterhin ausschließlich mit Voltaire:

    „Ich werde Ihre Meinung bis an mein Lebensende bekämpfen, aber ich werde mich mit allen Kräften dafür einsetzen, dass Sie sie haben und aussprechen dürfen.“

    Seit Jahrzehnten kommt diese Plattitüde von dir, wenn es um die vermeindliche Beschneidung von Pressefreiheit geht, immer wieder und in all den Jahren hast du nicht einmal nachgelesen, dass dieses Zitat garnicht von Voltaire stammt ... und mit dessem Lebenseinstellung so viel zu tuen hat, wie eine Kuh mit Schlittschuhlaufen!

    Bezeichnent und entlarvend ist dessen Namensnennung in einem Atemzug mit JD Vance, Gabor Steingart und der neuen Rechten aber allemale: Als Lebensmaxime sah Voltaire die Anhäufung von Reichtum - losgelöst sämtlicher Moralvorstellung. Voltaires ideale Staatsform war der Absolutismus, bzw. die Autokratie, er war ein lupenreiner Rassist der "Neger" als Tiere bezeichnete, die nur geboren worden, um Herren zu dienen - dementsprechend verdiente er lebenslang einen Teil seines Vermögens als Sklavenhändler. Den anderen Teil bildeten die Apanagen europäischer Königshäuser, die das - unbestritten - Wortgenie opportunistisch gegeneinander ausspielte. Absolut interessant ist die Verknüpfung von Voltaire mit Pressefreiheit, wie du und die neue Rechte diese definieren. Der begnadete Literrat Voltaire verstand es - imho als Erster - via einfacher witziger Sprache (Satire) erlangte Popularität zu seinem persönlichen Vorteil zu nutzen. "Mobbing", "Stalking" und Hetze misslieber Konkurrenz und Propaganda in eigener Sache beherrschte Voltaire schon vor fast 300 Jahren - Hunderte seiner Schmähbriefe, Pamphlete und Denunzierung sind überliefert - und um die Parallele zum heutigen: "das (Meinung) wird man ja noch sagen dürfen" zu tätigen: Schon vor 270 Jahren hat ein Gericht entschieden, dass eine seiner diesbezüglichen Agitation strafbar ist und ihn ins Gefängnis geschickt. Damals wie heute gilt: Hetze, Beleidigung, Diskreditierung durch bewußtes Verbreiten von Desinformation ist keine Meinung, sondern ein Straftatbestand!

    Fazit: Voltaire war ohne Frage ein genialer Autor und Schriftsteller und mag auch "politikphilosophisch" (Abschaffung der Leibeigenschaft, obwohl sich dies mit dem Sklavenhandel imho mehr als beisst und Kritik an einigen "Stilblüten" des Absolutismus, obwohl er sein ganzes langes Leben prächtig "als Made in dessen Speck lebte") seine Verdienste haben, als Vorreiter von Demokratie und Meinungsfreiheit taugt er definitiv nicht - mit beidem "hatte er nichts am Hut". Als historisches "Vorbild" für (rechte) opportune Populisten hingegen ist Voltaire geradezu ein Paradebeispiel.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Voltaire

  • RE: Aufsteiger des Jahres 2025

    gruener (Luddit), 07.01.2026 21:10, Reply to #2
    #3

    Ich sehe Voltaire durchaus nicht unkritisch. Er war halt auch nur ein Kind seiner Zeit und sicher alles andere als fehlerfrei.

    Ich werde mir mal angewöhnen, nicht nur Voltaire zu zitieren, sondern je nach Anlass auch mal Rosa Luxemburg: "Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden" oder Kurt Tucholsky "Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht haben könnte" nutzen.

    Es gibt genügend gute Zitate, um das derzeit vorherrschende rot-grüne Narrativ "Veni, vidi, veti" (Ich kam, ich sah, ich habe verboten - das letzte lateinische Wort korrekt eigentlich: vetabi) zu negieren.

    Darüber hinaus weißt du genauso gut wie ich, dass bestimmte Begrifflichkeiten derzeit primär angewandt werden, um unbequeme Äußerungen von quasi "(ganz) unten" einzuschränken und zu bestrafen. Würden diese Grundsätze für alle gelten, hätten wir z.B. kaum noch Medien, die publiziert werden dürften.

    Darüber zu klagen, dass es rechte - und auch linke - Hetze gibt, reicht mir bei weitem nicht. Ich möchte eine Pollitik, die durch ihr Tun verhindert, dass es überhaupt einen Anlass gibt für solche Äußerungen. Momentan sollen Verbote nur von den eigentlichen, den fundamentalen Problemen, die nicht angegangen werden, ablenken.

posts 1 - 3 by 3
Log in
30,645 Participants » Who is online

Fine music for political ears

What we predict...

Wahlfieber, originally a platform from the German-speaking world, offers (user-based) forecasts on elections worldwide - using political prediction markets without applying any algorythm.

Our focus

Germany / Austria / Switzerland
All national and state elections as well as selected local, mayoral and party elections

Europe
Almost all national elections as well as selected presidential, regional and local elections and votes.

USA
All presidential, senatorial and house elections (including mid-term and most presidential primaries/caucusses) as well as important special and state elections.

UK
All national and state elections as well as important special, local and mayoral elections and votes.

Worldwide
National elections - including Australia, Canada, Israel, Japan, New Zealand, etc.


Important elections in 2025

  • Several state elections in Germany, Austria, Switzerland and Liechtenstein
  • Presidential elections in Romania, Poland, Ireland, Portugal
  • National elections in Germany, Czech Republic, Netherlands, Norway - Argentina, Australia, Canada

How does this work?

This is how you contribute to the prediction - See the Infocenter

Found an error?
Your Feedback?

Please send error messages and feedback by email to: help@wahlfieber.com